Gemeindeteil Greßhausen


Greßhausen – Die Entstehung der Wallfahrt

Über die Existenz einer Wallfahrt zur Wallfahrtskirche „Maria vom Sieg“ nach Greßhausen gibt es mehrere Hinweise. In einer Legende wird berichtet: Die Stätte, wo heute die Dorfkirche steht, war von einer mächtigen Linde beschattet, unter deren Blätterdach sich die Einwohner zur Abhaltung gemeinsamer Andachten versammelten. Eines Tages, es war an einem Samstag nach 14 Uhr, hörten die Andächtigen aus der Linde einen wundersamen, himmlischen Gesang. Als sich dieses Wunder wiederholte, forschte man nach und entdeckte in der hohen Linde ein Muttergottesbild. Diese wundersame Begebenheit veranlasste die Einwohner zur Erbauung einer Kirche, in der das Gnadenbild Aufstellung und Verehrung fand. Bald nach der Errichtung der Muttergotteskirche wallfahrten die Andächtigen aus nah und fern nach Greßhausen. KRAPF gibt eine weitere alte, fortführende Legende wieder. Im Schwedenkriege (1618 – 1648) hätten die Schweden das Bild des öfteren in die im unteren Dorfe befindliche Weet geworfen, aber jedes Mal sei es am andern Morgen an seinen alten Platz in die Kirche zurückgekehrt. 

Nähere Unterlagen über die Entstehungszeit und Geschichte der Wallfahrt konnten nicht herausgefunden werden. Die Legende ist nach BREHM und SPATH möglicherweise auf einen geschichtlichen Kern zurückzuführen. Im Jahr 1542 wurde eine Linde bei der Kirche erwähnt, unter der das Marktsteinacher Zehntbüttel dreimal das Notgericht zu beschreien hatte. Greßhausen gehörte bis 1535 zur Urpfarrei Marktsteinach und politisch zur Cent Marktsteinach, welche wiederum dem Grafen Wilhelm von Henneberg in Mainberg unterstand. Wahrscheinlich diente die Linde auf dem höchsten Punkt im Dorfe neben gerichtlichen Handlungen auch als Andachtsort, zumal das Pfarrdorf sieben beschwerliche Kilometer entfernt lag. Auf welches Ereignis hin vermutlich in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts eine Kapelle errichtet wurde, ist unbekannt. Erste urkundliche Aufzeichnungen über einen Marienaltar in der Greßhäuser Filialkirche finden sich im Jahre 1459.

Im 14. und 15. Jahrhundert überstrahlte eine große Marienverehrung das gesamte religiöse Leben. Daher lässt sich vermutlich auch das erste Patrozinium der Greßhäuser Kirche „BMV“, Beata Maria Virgo, Selige Jungfrau Maria, erklären. Eine Auswirkung dieser großen Marienverehrung sind die zahlreichen Marienwallfahrten in Franken, deren größter Teil in dieser Zeit entstanden sein dürfte. Es war das Bedürfnis jener Generationen, einen Zufluchtsort für alle Nöte in der Nähe zu wissen, während der Besuch der großen Wallfahrtsorte nur von Zeit zu Zeit möglich war. So bildeten sich auch lokale Wallfahrten im ganzen Frankenland aus. Die Bezeichnung „Maria vom Sieg“ erfolgte dann vermutlich erst nach dem Entstehen der Wallfahrt.

Hinweise auf eine größere Marienverehrung kann die Stiftung des Frühmessbenefiziums am Altar der Mutter Gottes zu Greßhausen 1460 geben. Ebenso hatte der Fürstbischof Lorenz von Bibra (1459 – 1519) das marianische Wallfahrtswesen während seiner Amtszeit im Bistum nachhaltig gefördert. Ein weiterer Hinweis auf eine bestehende Wallfahrtsbewegung in Greßhausen ist St. Jakobus d. Ältere, der seit Anfang des 17. Jahrhunderts als Kirchenpatron erwähnt wird. St. Jakobus ist Pilgerpatron und Pilger zugleich. Er ist Leitbild des christlichen Pilgers. Vermutlich gab es zu dieser Zeit schon eine Wallfahrtsbewegung nach Greßhausen.

Den Mittelpunkt der Wallfahrt bildet das Gnadenbild, eine Madonna aus der Zeit um 1500. Es stellt sich die Frage, ob das Gnadenbild mit ein Auslöser der Wallfahrt war, oder ob das Gnadenbild für die bereits bestehende Wallfahrt angeschafft wurde. Eine auf Holz gemalte gotische Pieta soll nach einer weiteren Theorie im 18./19. Jahrhundert als Gnadenbild der Wallfahrt stärker im Vordergrund gestanden haben, als die Madonna im Marienaltar. Hinweis sei auch der Ablass Mariae Sieben Schmerz. Das Fest „Maria Schmerz“ soll aber nach Auskunft älterer Mitbürger deshalb groß gefeiert worden sein, da die Greßhäuser Bauern im 18. Jahrhundert von einer Viehseuche verschont blieben. Nähere Belege fehlen aber. Viele Fragen müssen offen bleiben. Die Wallfahrten entstanden aus dem Volke heraus, ohne Einfluss der kirchlichen Obrigkeit. Daher ist es auch verständlich, dass es kaum schriftliche Belege der Wallfahrt gibt.

SPATH, ein heimatgeschichtlich engagierter Lehrer in Greßhausen, schrieb über die Wallfahrt von Greßhausen im 16. Jahrhundert: Eine Massenwallfahrt bewegte sich am Mittwoch in der Bittwoche gegen Greßhausen zu: Es kamen Mainberg, Schonungen, Forst, Gädheim, Ottendorf, Unter- und Obereuerheim und Unter- und Obertheres. Wie noch vor einigen Jahrzehnten, mögen auch sonst an Feiertagen Wallzüge eingetroffen sein. Zur Zeit der Glaubensspaltung und durch eingerissene Kriegsempörung im Markgräflerkrieg 1553/54 soll die Wallfahrt nach und nach unterblieben sein. Für diese Beschreibung der Wallfahrt führt SPATH jedoch keine archivalischen Quellen an. Vermutlich bezieht sich der Text auf die Urkunde vom 18. Mai 1593.

Schriftlich wurde die Wallfahrt zum ersten Mal in einer Urkunde vom 18. Mai 1593 erwähnt. In einer Eingabe bitten die Pfarrer Georgius Ertlein in Schoning und Joannes Gnan in Forst in quarta feria (4. Wochentag = Mittwoch) den 3. Walltag auch anstellen bevohlen. Aber Und uns keiner zu wissen, ortt (solche Wallfahrt zu errichten) sich unterstehen wollen, ist es doch noch etlichen alten Personen wissent, dass vor etlichen Jaren, do es noch katholisch, Maynberg, Schoning, Forst, Gettheim, Ottendorf, Und Und Ober Euerheim Und Und Obertheres seien gehen Grussingshausen kommen, hatt auch besonderlich allda einen herrlichen altar, B. Mariae Virginis. Wo derohalben die weitliegenden Dörfer nit wollten hin wallen, und doch die obbemelden durchfürstlichen beuelch möchten dahin gehalten werden an Uns zweyfels, dass einige Widung des Völkleins erfolgen dieweil insonderheit der Pfarh zu hausen und Gettheim dahin zu gehen bewilligt, könnte desto ehe solche Wallfahrt wiederumb angebracht.

An den Abt von Theres erging am 21. Mai 1593 daß die Wallfahrt feria 4ta der 3. Walltag als Sonntag nach Vocens Jocunditatis (alter Name für Rogate = 5. Sonntag nach Ostern = Sonntag vor Christi Himmelfahrt) gang sein sollte, welche wallfahrt aber durch eingerissene Kriegsempörung eingestellt und unterblieb, wiederumb gestattet sei. Die Seelsorger berichteten darüber, dass sich noch alte Leute daran erinnern könnten, dass mehrere umliegende Ortschaften vor der Reformation Wallfahrten nach Greßhausen unternahmen. Aufgrund der Wirren durch die Glaubensspaltung und der Gegenreformation wollten manche Ortschaften diese alte vorreformatorische Tradition nicht wieder aufnehmen. Doch die Pfarreien (oder Pfarrer?) von Hausen und Gädheim waren mittlerweile bereit, die Wallfahrten wieder aufzunehmen. Aus diesem Grunde baten die Seelsorger, die Wallfahrt wieder zu genehmigen. Als Kriegsempörung können der Bauernkrieg oder der Markgräflerkrieg gemeint sein. Die Wallfahrt muss also älter sein als das oben angegebene Schriftstück aus dem Jahr 1593. Das Schreiben der beiden Priester stammte aus der Zeit nach der Reformation, der Zeit der Gegenreformation. Zu dieser Zeit entstanden in unserer Region kaum Wallfahrten. Die Wallfahrt nach Greßhausen ist daher älter als der Beginn der Reformation.